<< Bundesfestung Ulm: Die Wilhelmsburg (Werk XII)
Wilhelmsfeste – Werk XII 
Die Wilhelmsburg 
Werk XII: Wilhelmsburg
Lage
Blau: ca. Begrenzung, rot: erhaltene Bauwerke, grün: erhaltene Erdwerke
Erbaut 1842 bis 1849
ErbauerMajor von Erhardt
Flagge Württemberg Kgr. Württemberg
AdressePrittwitzstraße 100
89075 Ulm
Lage48,41217° nördl. Breite
9,98254° östl. Länge
Mannstärke6.951
ArtZitadelle
ZweckLetzter Rückzugsort bei Einnahme der Festung durch den Feind

Verteidigung an den Flanken in Richtung Lehrer Tal / Eselsberg sowie Örlinger Tal / Safranberg, nach Süden in Richtung Stadt und nach Norden auf den Michelsberg
Benachbarte WerkeCourtine XI im Südwesten

Courtine XIII im Nordwesten

Courtine XVII im Nordosten

Courtine XVIII im Osten

Lage und heutige Nutzung
Die 200 × 130 Meter große Anlage liegt unmittelbar hinter der Wilhelmsburgkaserne auf der Kuppe des Michelsberg am Rande eines Wohngebiets. Die Firma High Solar nutzt einen Teil des Kehlturms und der rechten Kehle sowie das Dach der Front, ansonsten wird der Innenhof und ein Teil der Kasematten gelegentlich vom Theater Ulm für Freilichtaufführungen genutzt. Die Bundeswehr nutzt den Innenhof bei hohen Besuchen oder offiziellen Anlässen, zu diesen Zeiten weht vom Kehlturm auch die deutsche Flagge statt der üblicherweise angebrachten Ulmer Stadtflagge. Der Förderkreis Bundesfestung Ulm e.V. bietet an jedem dritten Sonntag im Monat um 11:00 eine kostenlose Führung dort an. In den nächsten Jahren soll die Burg „reaktiviert“ werden, angedacht ist beispielsweise eine kleingliedrige Nutzung durch hauptsächlich kulturelle Betriebe und Träger.

Aufbau des Werks
Das stärkste Werk der gesamten Bundesfestung wurde aus 300.000 Tonnen Kalkstein errichtet. Das Werk ist aufgebaut aus zwei kurzen Flanken, einer langen Kehle mit dem 30 Meter hohen Kehlturm, einer leicht geknickten Front sowie an deren Schultern je einem Flankenturm, insgesamt befinden sich etwa 570 kasemattierte Gewölbe in dem Gebäude, dessen 1,3 ha große Innenhof bequem Platz für das Ulmer Münster bieten würde. Das Werk ragt bis zu 30 Meter in die Höhe und steckt bis zu 25 Meter tief in der Erde, unter die Front sind etliche Gegenminenstollen gegraben.

Baugeschichte und Erhaltungszustand
Die Erdbedeckung wurde in den 1920ern gegen ein Ziegeldach ausgetauscht. Im zweiten Weltkrieg wurde es auch von Bomben getroffen, woraufhin der Dachstuhl an einigen Stellen ausbrannte. Das Dach wurde nach dem Krieg zur Baumaterialgewinnung vollständig abgetragen, was dazu führte, dass die nun dachlose Wilhelmsburg sich mit Wasser vollsaugte. 1986 wurde ein Dach aus Zink-Titan-Blech errichtet und seit der Mitte der 1990er Jahre ist das Werk nahezu vollständig trocken. Der rechte Flankengraben wurde 2009 freigelegt und in den Festungsweg integriert. 2013 stürzte ein Teil der Contrescarpe im Kehlgraben ein.

Militärische Nutzung
Die Wilhelmsburg wurde im Lauf der Zeit von vielen Truppen genutzt. So zogen bei Fertigstellung die österreichische Festungsartillerie und das 6. Württembergische Infanterieregiment dort ein. 1866 zogen die Österreicher nach der Auflösung des Deutschen Bundes aus. 1871 zog das Württembergische Grenadierregiment „König Karl“ Nr. 123 dort ein, welches 1898 vom 2. Württembergischen Infanterieregiment „Kaiser Wilhelm“ Nr. 120 und dem 9. Württembergischen Infanterieregiment Nr. 127 abgelöst wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg zogen die 10., 11. und 12. Kompanie des III. Jägerbataillons des Infanterieregiments Nr. 13 der Reichswehr dort ein, 1935 das I. und II. Bataillon und die 13. Kompanie des Infanterieregiments Nr. 56 der Wehrmacht. Ab 1939 wurde die Wilhelmsburg nur noch wenig militärisch genutzt, im Jahr zuvor war der Ulmer Festungsstatus von der faschistischen Regierung aufgehoben worden. Es gibt Hinweise auf die Pionier-Ersatzkompanie Nr. 35 im Jahr 1939, das Infanterie-Ersatzbataillon Nr. 56 (1940 und 1941), das Bau-Ersatzbataillon Nr. 15 (1941) und das Grenadier-Ersatzbataillon Nr. 460 (1942). 1944/45 produzierte die Firma Telefunken dort und beschäftigte dabei polnische Zwangsarbeiter, für die Baracken im Innenhof errichtet wurden. Zum Gedenken an diese Nutzung wurde 1999 von der Stadt Ulm eine zweisprachige Gedenktafel neben dem Werkstor angebracht:

Zum Gedenken

August 1944 bis April 1945:
Über 1500 Frauen und
Männer aus Polen, davon
viele noch Kinder, wurden
unter dem nationalsoziali-
stischen Sonderrecht für
Zwangsarbeiter aus Lodz
in die Wilhelmsburg ver-
schleppt. Sie wurden in
Lodz und Ulm zur Kriegs-
produktion elektronischer
Röhren für die Firma
Telefunken gezwungen.

1. September 1999, Stadt Ulm
Pamięci

Ponad 1500 polskich robot-
ników przymusowych - dzie-
ci, kobiet i mężczyzn - upro-
wadzonych w sierpniu 1944
na mocy narodowo-socjali-
stycznego prawa specjalne-
go z Łodzi do Ulm i więzio-
nych w Wilhelmsburgu do
kwietnia 1945. Tak w Łodzi
jak i w Ulm zmuszano ich
do produkcji lamp elektrono-
wych dla potrzeb wojennych
w zakładach Telefunken

1 września 1999, Miasto Ulm


Nach dem zweiten Weltkrieg diente die Wilhelmsburg bis 1956 als Notunterkunft für ausgebombte Ulmer und für Flüchtlinge. Es entstand schon bald eine eigene Gesellschaft mit eigener Infrastruktur (neben dem nördlichen Werkstor gab es beispielsweise einen „Konsum“-Laden), in der zeitweise über 3.000 Menschen lebten. Wohn- und Geschützkasematten wurden in dieser Zeit notdürftig zu Wohnungen umfunktioniert, in einer Kasematte schliefen bis zu zehn Menschen auf engstem Raum. 1956 wurden die restlichen Bewohner in die ehemalige Gaisenbergkaserne umgesiedelt und die Bundeswehr zog mit dem II. Korps dort ein. Soldaten wurden bis Mitte der 1970er Jahre dort untergebracht, bis die Räume auf Grund der Feuchtigkeit endgültig unbewohnbar wurden. 1986 ließ die Bundeswehr ein neues Dach aufsetzen und verkaufte die bis dahin zur Wilhelmsburgkaserne gehörende Burg für den symbolischen Preis von einer Mark an die Stadt Ulm. Seitdem steht sie weitestgehend leer.

Bilder
Blick vom Münster zur Wilhelmsburg Alte Uhr an der Innenseite der Nordfront Innenhof
Ehemaliger „Konsum“ in der Nordfront Abgang zu den Gegenminenstollen Gegenminenstollen
Im linken Kehlgraben Im rechten Kehlgraben Kehlturm vom Innenhof
Kehlturm-Innenhof Rechte Flanke „Bitte eintreten“ war eigentlich anders gemeint…
Rampe im Kehlturm Waschraum aus der Kasernenzeit Nördliches Werkstor
Südliches Werkstor Kasematte zur Hofseite Galerie in der linken Flanke
Gewölbegalerie Wohnraum in der Nachkriegszeit Kehlturm
Kehlturm Abschluss des Kehlturms Scharte einer Wurfbatterie
Kehlturm Scharte Linkes Kehleck
Linker Kehlgraben und Kehlturm Rechter Flankenturm Modell der Wilhelmsburg und der Wilhelmsfeste, Ausbaustand um 1860

Letzte Bearbeitung: 10. Januar 2016